Inside | «Ich verkaufe die Gewinner-Mentalität jeden Tag»

05.01.2022, 12:00

Stefan Hedlund hat die Lakers zu einem unglaublichen Höhenflug gecoacht. Im Interview spricht der smarte Schwede über die Grundwerte der Menschen in der Region, über feine Schokolade und den heissen Stuhl. 

Mit Stefan Hedlund sprach Martin Mühlegg

Mit Stefan Hedlund nicht über Eishockey zu reden sei nicht einfach, heisst es bei den Rapperswil-Jona Lakers. Er sei ein Besessener, der stets daran denke, wie er seine Mannschaft und sich selber noch besser machen könne. Inside hat es dennoch gewagt. Wir treffen ihn in seiner Wohnung in Rapperswil-Jona, wo er die Ankunft seiner Tochter erwartet, die zu Weihnachten aus Schweden anreisen wird.

Inside: Ich habe den Auftrag erhalten, mit dir über andere Dinge als Eishockey zu reden. Nun frage ich mich, wie wir diese Seiten füllen sollen. Es heisst, bei dir drehe sich alles um Eishockey...

Hedlund: Hockey ist meine Leidenschaft, mein Job und mein grösstes Hobby. Jetzt scheint mein grösster Vorteil zu einem Problem zu werden.

Inside: Worüber sollen wir denn sprechen?

Hedlund: Das liegt an dir...

Inside: Wir stehen vor Weihnachten, und deine Tochter, die in Schweden lebt, wird gleich hier eintreffen. Du hast sie wohl für längere Zeit nicht mehr gesehen.

Hedlund: Sie kommt mindestens jeden zweiten Monat zu uns. Und meine Frau besucht sie regelmässig in Schweden. Auch unser ältester Sohn, der in Zug lebt, wird zu Weihnachten hier sein. Die beiden jüngeren Söhne, die 13 und 15 sind, wohnen ja noch bei uns.

Inside: Kaufst du deine Weihnachtsgeschenke selber ein?

Hedlund: Wegen der Natipause gab es Freitage, und die nutzte ich, um ein paar Geschenke einzukaufen. Aber wir hatten nicht viele Freitage. Wir versuchen so oft wie möglich auf hohem Niveau zu trainieren, das ist ein wichtiger Schlüssel für unser Team.

Inside: Jetzt sind wir beim Eishockey, und darüber sollen wir ja nicht reden. Es heisst, du isst sehr gerne Schokolade. Hängt man in Schweden auch Schokolade an den Christbaum?

Hedlund: Nein, das tun wir nicht. Aber vielleicht sollten wir jetzt damit anfangen, denn die Schweizer Schokolade ist toll!

Inside: Welches ist deine Lieblingsschokolade?

Hedlund: Lindt. Das ist die erste Schokolade, die du am Flughafen siehst. Es ist die Schweizer Schokolade, die ich zuerst probierte. Sie ist für mich mit guten Emotionen verbunden

Inside: Welche isst du am liebsten? Nuss? Milch? Pralinen?

Hedlund: Das ist egal, solange sie nicht dunkel ist.

Inside: Du magst also die süssen Schokoladen. Isst du viel davon?

Hedlund: Nicht jeden Tag, mehr an den Wochenenden. Ich bin zwar kein Spieler mehr, muss aber trotzdem ein bisschen in Form bleiben, also kann ich nicht zu viel davon essen.

Inside: Zu viel Schokolade entspräche nicht der Hochleistungskultur, die du bei den Lakers eingeführt hast. Dürfen die Spieler Schokolade essen?

Hedlund: Ja, weil sie sehr hart arbeiten. Wir versuchen eine gute Balance zu finden zwischen Arbeit und Lebensqualität.

Inside: Gehst du zu Weihnachten in die Kirche? Bist du religiös?

Hedlund: Ich gehe nicht in die Kirche. Ich glaube an etwas, aber ich würde mich nicht als religiös bezeichnen.

Inside: Woran glaubst du?

Hedlund: Ich glaube an eine höhere Kraft, und ich glaube daran, dass alles eine Bedeutung hat. Ich weiss nicht, wie man das nennt.

Inside: Deine Hochleistungskultur ist vielleicht auch eine Art Religion. Spirituell gesehen würde ich es so ausdrücken: Die Mannschaft hat von dir ein neues Karma erhalten.

Hedlund: Ich glaube daran, dass wir beide belohnt werden, wenn wir einen guten Job machen. Wenn ich von Hochleistungskultur rede, meine ich damit alles, was wir machen. Auch den Umgang mit Kritik, die Videomeetings, das Spielsystem. Wenn wir da gut arbeiten, werden wir dafür belohnt. Aber das braucht Zeit.

Inside: Aber du brauchtest nicht viel Zeit. Du bist unglaublich erfolgreich.

Hedlund: Trotzdem sind wir am Anfang eines Prozesses. Yanick Steinmann hat junge Spieler engagiert, wir sind das jüngste Team der Liga. Wir investieren jetzt in die jungen Spieler und werden nächstes und übernächstes Jahr dafür belohnt. Das gilt auch für mich und meinen Coaching-Staff: Nächstes Jahr können wir sehen, wie gut wir unseren Job gemacht haben.

Inside: Die Mannschaft ist mental stärker geworden. Wie förderst du diese Einstellung bei den Spieler und in deinem Staff?

Hedlund: Indem ich jeden Tag mit ihnen darüber rede. Ich verkaufe das Konzept der Hochleistungskultur und die Gewinner-Mentalität jeden Tag. Wenn wir verloren haben, sage ich: Das sind die drei Dinge, die wir tun sollen. Schau hier, das haben wir gestern nicht gemacht. Deshalb haben wir verloren. Es ist eine konstante Arbeit jeden Tag, diese Dinge mit jedem Spieler und jedem Staff-Mitglied zu verbinden.

Inside: Das scheint zu wirken. Verrätst du uns zu Weihnachten ein Geheimrezept?

Hedlund: Über den wichtigsten Schlüssel zu unserem Erfolg habe ich noch mit keinem Journalisten gesprochen: Jedes Mal, wenn ich ein Team übernehme, mache ich ein grosses Meeting. Die Spieler sitzen dann wie in der Schule in kleinen Gruppen zusammen und setzen die Ziele fürs Team. Sie bestimmen, wie wir dorthin kommen und was wir dafür in unserer täglichen Arbeit beachten müssen.

Inside: Geht es bei diesen Zielen auch um Charakter und Werte?

Hedlund: Am meisten sprechen wir bei diesen Meetings über Grundwerte. Im Sommer ging ich in der Stadt herum und fragte die Leute: «Was erwartest du von den Lakers?» Alle sagten mir das Gleiche: «Wir sind eine bescheidene und hart arbeitende Stadt. Wir wollen, dass die Spieler das auch so machen.» Die Menschen hier wollen ein hart arbeitendes Team. Dann frage ich die Spieler: «Was bedeutet harte Arbeit für uns?». Die Spieler definieren es dann in wenigen Worten. Wir haben ein Papier in der Garderobe, wo alles draufsteht.

Inside: Das heisst, du lässt die Spieler und den Staff mitbestimmen.

Hedlund: Ja, denn ich denke: Wenn du und ich Vereinbarung haben, ist das viel stärker, als wenn ich dir sage, was Sie zu tun haben. Das Team bestimmt mit, was wir zu tun haben, wie wir uns verhalten und wie unsere Einstellung ist.

Inside: Das tönt wie ein Businessplan. Woher hast du dieses Wissen?

Hedlund: Ich habe Sportlehrer studiert. Dort habe ich gelernt, wie man einen Businessplan macht. 2007 schrieb ich eine Arbeit, wie man ein Team erfolgreich machen kann. Ich habe immer wieder daran gearbeitet und neue Erfahrungen einfliessen lassen. Dieses Konzept wende ich nun bei den Lakers an. Die Coaches geben den Rahmen, und die Spieler können viel selber kreieren. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Spieler wissen immer, warum sie etwas machen. So ergibt sich ein Fundament, das stärker und stärker wird.

Inside: Partizipativ, sozial, smart, pragmatisch: Das tönt fast wie ein schwedisches Klischee...

Hedlund: Es gibt den alten kanadischen Weg: «Mach das so, und wenn du es nicht so machst, werfe ich dich raus». Der finnische Stil ist zwischen dem kanadischen und schwedischen. Wir Schweden glauben sehr an die Beteiligung der Spieler und ans Positive.

Ich möchte dir eine Geschichte erzählen, die aufzeigt, wie traditionelle hawaiianische Familien funktionieren:. Ein 16-Jähriger hatte das Motorrad einer befreundeten Familie gestohlen. Innert weniger Stunden berief der Grossvater den Familienrat ein. Der Dieb des Motorrads musste in die Mitte sitzen, um ihn sassen 20 seiner Verwandten. Der Grossvater wies jedes Familienmitglied dazu an, drei gute Eigenschaften dieses Jugendlichen zu sagen. Schliesslich sagte der Grossvater: «Geh jetzt mit dem Motorrad und einem Geschenk zu den Leuten, die du bestohlen hast.» Diese Methode wirkt besser, als wenn man ihm Hausarrest gibt oder das Taschengeld streicht.

Im Eishockey kennen wir diese Methode auch. Wir nennen sie den heissen Stuhl. Ein Spieler sitzt in die Mitte, vier Spieler sind um ihn herum. Jeder von ihnen sagt ihm drei gute Dinge, die er gemacht hat oder gute Charaktereigenschaften, die er hat. Wir machen das manchmal auch Face-to-Face mit zwei Spielern.

Inside: Mir ist aufgefallen, dass die Spieler nach einem kurzen Gespräch mit dir meist ein Lächeln im Gesicht haben. Du scheinst ihnen wirklich viele gute Dinge zu sagen.

Hedlund: Wenn 20 oder 30 Personen zusammenarbeiten, gibt es immer Dinge, die du nicht magst. Zum Beispiel kommt einer immer wieder mit dem Smartphone in den Raum und spricht laut. In diesen Meetings kann ich ihm sagen: «Du bist ein grossartiger Coach, du arbeitest hart und hast eine gute Einstellung. Ein Ding, das ich an dir nicht mag, ist die Sache mit dem Telefon. Bitte schalte es künftig ab, wenn du zu uns kommt. Und wenn du im Büro telefonierst, sprich bitte leiser, denn deine laute Stimme stört die anderen.» Wenn du drei gute Dinge über dich hörst, kannst du mit einer Kritik besser umgehen.

Inside: Wie oft gibt es den heissen Stuhl?

Hedlund: Normalerweise mache ich es einmal pro Saison. Ich mache es aber auch in harten Zeiten, wenn wir Probleme haben.

Inside: Für dich war 2021 ein aufregendes Jahr. Du zogst mit deiner Familie um. Du unterschriebst deinen ersten Vertrag als Headcoach in der National League und gewannst mit den Lakers viele Spiele.

Hedlund: Rapperswil-Jona ist eine wunderschöne Stadt, die Menschen hier sind nett und bescheiden. Meine Familie fühlt sich sehr wohl hier. Es hat viele schöne Orte in der Nähe. Es gab aber auch private Herausforderungen. Ich wusste, dass es nicht einfach ist, von einer schwedischen an eine schweizerische Schule zu wechseln.

Inside: Du praktizierst einen ressourcenorientierten Führungs- und Ausbildungsstil. In den Schweizer Schulen ist das nicht immer der Fall.

Hedlund: Es ist das Gegenteil. Ich höre von den Lehrpersonen, was meine Kinder falsch gemacht haben.

Inside: Wie gehst du damit um?

Hedlund: Ich verstehe es einfach nicht. Ich glaube nicht, dass es richtig ist, wenn man den Kindern sagt: «Das ist falsch und das ist schlecht, du musst jetzt dasitzen und ruhig sein.» Ich finde, die Schule muss eine Umgebung schaffen, in der sich die Kinder sicher fühlen und sich entfalten können. Niemand ist dafür geschaffen, acht Stunden still zu sitzen und dem Lehrer zuzuhören. Das kommt wir vor wie in Schweden vor 20 oder 30 Jahren.

Inside: Wenn deine Kinder an die Kantonsschule in Wattwil gehen, werden sie vor sechs Uhr aufstehen müssen. Wie ist das in Schweden?

Hedlund: Normalerweise dauert die Schule von halb neun bis drei Uhr nachmittags. Hier geht sie von halb acht bis vier oder fünf, mit zwei Stunden Mittagszeit, die verlorene Zeit sind. Dann kommen noch die Hausaufgaben. Wann sollen die Kinder spielen oder Sport machen? Das entspricht überhaupt nicht meiner Vorstellung von einer Hochleistungskultur.

Inside: Du magst es, Pläne zu schmieden. Wie sehen deine für 2022 aus?

Hedlund: In meinem Geschäft gibt es den Jahreswechsel im Sommer. Alles dreht sich um die Saison. Privat werde ich weiterhin meine Kinder unterstützen, damit sie hier noch mehr heimisch werden. Wir haben alles verkauft in Schweden, auch unser Haus. Es ist unser Ziel, lange in Rapperswil-Jona zu bleiben.

Inside: Wir freuen uns, das zu hören!

Hedlund: Wir sind eine grosse Familie, ich will meinen Kindern nicht sagen müssen, nächstes Jahr gehst du in Lugano oder in Genf zur Schule. Ich bin dankbar, dass mir die Lakers diese Chance gegeben haben. Nun wollen wir näher an die Spitze kommen, und das dauert seine Zeit. Wir reden hier von drei bis fünf Jahren.

Zur Person

Stefan Hedlund (46) stammt aus Lulea im Norden Schwedens. Er spielte in der zweithöchsten schwedischen Liga und in der höchsten Liga Norwegens. Nach dem Studium zum Sportlehrer war er  Coach bei Pitea und Lulea. Von 2017 bis 2019 arbeitete in verschiedenen Funktionen beim EV Zug. Im Sommer kam er als Headcoach zu den Rapperswil-Jona Lakers. Die Mannschaft hat unter ihm grosse Fortschritte gemacht und verbringt die Festtage auf dem zweiten Platz – vor den Topteams aus Zug, Zürich und Lugano.

 


> Hier geht’s zu Stefan Hedlund auf Elite Prospects


Martin Mühlegg

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  • Publiziert am
    05.01.2022 12:00
  • Autor
    rsc
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